Jana Nikodemus
Buchcover: Mach nicht auf von Jana Nikodemus

Leseprobe: Mach nicht auf

Prolog und die ersten beiden Kapitel, Horror, empfohlen ab 18 Jahren

Prolog

Akte 19/1933-R

Vervielfältigung untersagt

Aufzeichnung aus nicht identifizierter Quelle.

Übersetzung aus der Originalsprache.

Transsylvanien, circa 1893.

Gemeinde Dunverna, aufgelöst 1894, ohne Einwohnerverzeichnis.

Manuskript aufgefunden in einer alten Truhe beim Holzeinschlag im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Dunverna.

Anmerkung: Die Gemeinde ist in keinem bekannten Archiv verzeichnet. Der umliegende Wald weist ungewöhnliche akustische Phänomene auf.

Jedes Jahr, wenn der letzte Schnee aus den Wäldern schwindet und die Stille neu beginnt.

Nicht die natürliche Stille.

Die andere.

Die Stille ohne Vögel und ohne Wind.

Die Stille, in der selbst Rauch in den Kaminen erstarrt und Uhren aus der Ordnung der Zeit fallen.

Dann kommen sie.

Drei.

Kinder ohne Namen.

Ohne Schatten.

Ihre Augen gleichen einem nächtlichen See, grundlos und lichtlos.

Sie klopfen.

Jeden Abend an einem anderen Haus.

Nie vor Sonnenuntergang.

Und immer sprechen sie denselben Satz:

„Wir brauchen Hilfe.“

Sie bitten nicht.

Und doch endet jeder, der sie einlässt, ohne einen neuen Morgen.

Am nächsten Tag treten drei Kinder aus dem Haus.

Doch es sind nicht dieselben.

Nie dieselben.

Die Gemeinde Dunverna hörte auf zu existieren.

Wochen nachdem das erste Klopfen gehört worden war.

Als keine Türen mehr übrig waren.

Die Bäume dort wachsen seither anders.

Weich.

Dunkel.

Glatt.

Ihr Holz soll glänzen wie ein Blick ohne Seele.

Man sagt, daraus würden neue Körper gefertigt.

Die Alten aus den umliegenden Dörfern behaupten, dieses Holz lasse sich nicht verbrennen.

Weil es noch lauscht.

✦   ✦   ✦

Beigefügt ist ein Auszug aus einem Tagebuch, ebenfalls in der Truhe gefunden.

Ich schreibe diese Worte bei geschlossenen Fenstern.

Die Lampe neben mir flackert, obwohl keine Bewegung die Luft berührt.

Draußen liegt ein Schweigen.

Der Wald hält den Atem an.

Ich sehe sie.

Ich spüre die Kälte.

Ich höre meinen Atem nicht mehr.

Nur das Raunen meines Namens, der mir entgleitet.

Sie stehen unter einer Laterne, die nicht leuchten dürfte.

Und doch brennt sie für sie.

Kinder.

Aber keine wirklichen.

In ihren Augen liegt Hunger.

Heute klopften sie bei den Drăghicios.

Morgen kommen sie wahrscheinlich zu mir.

Ich werde nicht öffnen.

Ich werde nicht öffnen.

Hier endet der Text abrupt.

Die Seite ist zerrissen.

Gefunden in einem Haus, dessen Türen und Fenster von innen verriegelt waren.

Anmerkung des Archivars:

Der Verfasser des Tagebuchs wurde nie gefunden.

Im Haus befand sich keine Leiche.

Lediglich drei Kindermäntel, aufgehängt im Flur.

Diese Aufzeichnung ist nicht offiziell als authentisch bestätigt.

Aufgrund psychischer Beeinträchtigungen bei zwei Übersetzern wurde die Transkription nie vollständig abgeschlossen.

Archiviert unter: Akte 19/1933-R

Übersetzung abgeschlossen: 16. März 1997

Es ist keine Geschichte.

Nicht ganz.

Während der Übersetzung entstand der Eindruck, die Welt habe sich verschoben.

Nur geringfügig. Wie wenn der Boden unter dem Teppich nachgibt.

Zunächst hielt ich es für Erschöpfung.

Doch die Lichter flackern nur, wenn ich an diese Kinder denke.

Im Flurspiegel steht eine Gestalt. Ich stehe nicht dahinter.

Auf dem Glas erscheinen Handabdrücke.

Von der Innenseite des Fensters.

Öffne nicht die Tür.

Öffne nicht, wenn sie klopfen.

Antworte nicht, wenn sie um Hilfe bitten.

Es sind keine Kinder.

Es waren nie welche.

03:03 Uhr.

Jede Nacht.

Dieselbe Stunde.

Derselbe Schatten.

Und eines Tages wird ihre Stimme von innen erklingen.

Dann wird es deine sein.

Ich habe bemerkt, dass meine Hand die Türklinke sucht.

Sie sind bereits da?

✦   ✦   ✦
Kapitel 1

Die Wüste, die sich erinnert

Die Wüste hatte ihre eigene Stille.

Nicht die Abwesenheit von Klang. Die Anwesenheit von etwas, das jeden Laut verschluckte.

Es sickerte in den Raum wie Feuchtigkeit, die im Sand nichts zu suchen hat. Sog alles Lebendige ein, verwandelte es in Reste erschöpften Atems. Und lauerte.

Die Luft roch nach Rost, Schimmel und diesem schweren, öligen Gestank von Fäulnis. Jener allgegenwärtige Geruch des Todes, der sich schwer am Gaumen festsetzte. Jeder Atemzug schnitt tiefer.

Wieder dieser Traum. Nur dass es kein Traum war. Eine Erinnerung in der Maske eines Albtraums. Und die Maske begann zu bröckeln.

✦

Rhea bewegte sich langsam. Nicht weil sie müde war. Sondern weil sie sich unbewusst wehrte. Jede Bewegung war Widerstand gegen einen unsichtbaren Willen, der sie vorantrieb.

Ihr Körper wurde schwer, die Waffe in ihrer Hand begann zu gleiten, Schweiß tropfte ihr in die Augen. Brannte, stach, verschleierte den Blick. Je weiter sie ging, desto mehr verlor die Welt ihre Farbe.

Sie waren fort.

Das gesamte Team.

Keine Leichen. Keine Spuren.

Einer nach dem anderen verschwunden. Eine Kraft hatte sie geholt, verborgen hinter dem Schweigen, maskiert durch die Leere.

Sie versuchte unablässig, sie zu finden. Sie ging. Suchte.

Antworten erhielt sie keine. Das Signal war verschwunden, und auf ihrem Funkkanal erklang nur totes Rauschen.

„Delta 5, bestätige Position. Delta 5?“

Keine Antwort.

Im Traum ging sie wieder durch dieselbe Gegend. Immer wieder. Dieselbe Schleife. Das Gehirn zwang sie, dasselbe Band abzuspielen, wieder und wieder, bis es sich zu weißem Rauschen abnutzte.

Sie betrat die Ruinen eines alten Dorfes. Das Dorf empfing sie, wie Geister empfangen. Stumm, mit leeren Augen. Häuser ohne Fenster. Ohne Türen. Ohne Leben.

Dieses Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Sie drehte sich um, suchte, doch sie sah nur die klaffenden dunklen Löcher der zerschossenen Häuser. Leer. Tot.

Aber nicht ganz.

Dieser Blick brannte ihr zwischen den Schulterblättern. Unsichtbar, aber scharf wie eine Nadel. Ein Blick, der sagte: Ich weiß, dass du hier bist. Ich weiß, wohin du gehst. Und ich habe Zeit.

✦

Sie kam an einer gesprungenen Mauer vorbei, deren Oberfläche mit Kritzeleien bedeckt war. Sie blieb stehen. Keine Inschriften, eher Kratzer. Jemand hatte versucht, mit den Fingernägeln Bedeutung in die Wand zu ritzen. Manche Linien wanden sich, andere wiederholten sich. Wie ein codierter Schrei. Oder ein Gebet. Oder Wahnsinn im letzten Stadium.

Die Kratzer endeten in blutigen Schlieren.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die aufgesprungenen Lippen, bis sie die Salzigkeit ihres eigenen Blutes schmeckte. Sand knirschte zwischen ihren Zähnen. Alles klebte an ihrer Haut. Schwüle, Sand, Gestank.

Dann spürte sie es.

Jemandes Gegenwart. Über ihr. Hinter ihr. Überall. Wie wenn der Boden unter einem bebt, aber niemand sonst es spürt.

Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Der Körper gefror. Sie spürte es, bevor sie es sah.

Ein Bruch.

Es war wie bei einem alten Foto. Alles darauf stimmt, und doch ist etwas nicht in Ordnung. Das Gesicht ist menschlich, der Hintergrund normal, aber irgendwo im Gehirn ertönt diese leise, unangenehme Glocke. Irgendetwas stimmt nicht. Ein Bruch in der Realität, schwach wie ein Riss im Fenster eines alten Krankenhauses.

Sie sah ihn nicht. Aber sie wusste, dass dieses Fenster nicht mehr ganz war. Nie mehr sein würde.

Über sich nahm sie ein Durchsickern wahr.

Nicht im Raum. Zu einfach. Zu physisch. Dies war anders. Ein Durchsickern in der Zeit. In den Erinnerungen. An einem Ort des Geistes, den sie nicht selbst erschaffen hatte. Der ihr geschenkt worden war. Von etwas Fremdem. Etwas Älterem.

Die Vergangenheit tropfte von oben herab. Langsam. Tropfen für Tropfen. Von dem, was niemals Mensch gewesen war.

Wir schlafen nicht. Wir warten.

Ein Knistern in den Ohren, das sich in Worte verwandelte.

Dein Blut kennt unseren Namen.

Dann weitere Worte, feucht, fremd, unaufhaltsam:

Du … bist das letzte Licht, das noch schmeckt. Rhe…a… Rhe…aaa.

Der Klang sank jedes Mal einen Ton tiefer. Jedes Mal feuchter, jedes Mal tiefer eindringend in jede Faser ihres Körpers.

✦

Einen Moment lang hatte sie den Eindruck, zwischen den Mauern stünde eine Gestalt.

Sehr groß. Übermäßig dünn. Reglos. Doch es bewegte sich. Wie wenn Nebel seine Form ändert, weil man ihn betrachtet.

Es warf keinen Schatten.

Es war der Schatten.

Rhea wollte einen Schritt zurücktreten, aber ihre Beine verrieten sie. Der Körper blieb stehen. Doch ihr Bewusstsein nicht.

Du warst schon einmal hier, raunte es. Bist immer noch hier. Weißt nicht, wo du bist. Und deshalb bist du für immer unser.

Rhea wollte die Augen schließen. Doch die Lider waren durchscheinend.

Es gab kein Entkommen.

Rhea, zurück! Sofort!

Sie wusste nicht, ob diese Stimme in Echtzeit erklungen war. Aber es reichte.

Manchmal genügt ein Laut, ein einziges Wort, und der Körper übernimmt das Kommando. Das Gehirn kann streiten, so viel es will. Der Körper weiß es. Der Körper weiß es immer.

Sie rannte. Nicht mit diesem eleganten, athletischen Lauf aus Filmen. Sie rannte so, wie ein Mensch im Traum rennt: die Beine schwer wie Betonsäulen, die Luft dick wie Sirup, und im Rücken dieses Gefühl, dass sich das, was sie verfolgte, nicht einmal beeilen musste.

Als sie sich schließlich umdrehte – man dreht sich immer um, auch wenn man weiß, dass man es nicht sollte – war dort niemand mehr.

Nur eine leere Spur im Sand.

Und darin eine schwarze Feder.

Der Wind hob sie auf. Sie wirbelte, tanzte. Dann, als hätte sie es sich anders überlegt, sank sie zurück auf den Boden. Genau an dieselbe Stelle.

Der Wind trug sie nicht fort. Er weigerte sich, sie mitzunehmen. Eine Botschaft.

Sie schloss die Augen. Die Welt zog sich zusammen. Und in dem, was blieb, im absoluten Erlöschen von Geräuschen, Gedanken, Puls, blitzte etwas auf.

Zwei Punkte. Ein Blick.

Blau, aber nicht ganz blau. Rauch hatte es erreicht.

Und für einen Moment, einen kleinen Moment, blickten sie direkt auf sie.

Sie fiel. In sich selbst. In diesen Traum, der niemals endet.

✦

Sie schreckte hoch.

Ihr Herz hämmerte aus Gewohnheit, nicht aus Angst. Sie schrie nicht mehr. Nur das scharfe Ausatmen, dann Stille.

Die Kehle schnürte sich ihr zu, während sie nach Sauerstoff schnappte.

Und diese Augen, die sie im Traum gesehen hatte, spiegelten sich noch immer auf der Innenseite ihrer Lider.

Im Zimmer war es schwül. Diese Art von Schwüle, die sagt, dass die Luft hier nicht einem gehört. Dass man nur zu Gast ist. Und dazu ein unwillkommener.

Die Dunkelheit im Schlafzimmer war dicht. Dichter, als sie sein sollte.

In diesem Moment wusste sie, dass sie nicht allein war. Rhea nahm diese unsichtbare Gefahr unter der Haut wahr.

Aber Lobo wusste es mit Gewissheit.

Ihr schwarzer Deutscher Schäferhund lag neben dem Bett. Er knurrte nicht. Er bellte nicht. Er hob nur den Kopf und starrte in die Ecke des Zimmers, in jene dunkle Ecke beim Schrank, wohin das Licht von der Straße nicht reichte. Die Ohren aufgestellt. Die Augen reglos.

Wenn ein Hund knurrt, kann man sich sagen, dass er träumt. Wenn er bellt, kann man die Katze des Nachbarn beschuldigen. Aber wenn ein Hund nur schaut, still, reglos, mit dieser schrecklichen Gewissheit, dann weiß man, dass etwas nicht stimmt.

Und was auch immer es war, es blickte gerade zurück.

Lobos Krallen schabten über den Holzboden mit einem leisen Ruck, als er mitten im Schritt innehielt. Er knurrte, unhörbar fast. Nicht warnend.

Eher unsicher.

Warnendes Knurren ist Gewissheit. Das hier war Frage.

Und dieser Zweifel setzte sich ihr blitzschnell zwischen die Rippen.

Sie sah Lobo an. Lobo sah sie an.

Und in seinen Augen, in diesen dunklen, feuchten Augen, die sie besser kannten als irgendjemand auf der Welt, sah sie eine Frage. Einfach, ursprünglich, alt wie der erste Wolf, der sich ans erste Feuer legte:

Spürst du es auch?

Sie spürte es.

✦

Lobo veränderte seine Haltung, der Körper gespannt wie ein Stahldraht, der Kopf gestreckt in Richtung der dunkelsten Ecke des Zimmers. Die Rute tief, aber nicht eingezogen. Gespannt. Bereit.

Seine Nase bebte. Vibrierte in diesem konzentrierten Rhythmus, der Arbeit bedeutet. Hunde tragen in ihrer Nase eine ganze Welt, und Lobo las gerade seine Karte. Alter Lack auf dem Boden. Staub. Ihre Haut, ihr Schweiß, ihre Angst.

Und dann das. Ein Phantom, das sich bewegte, aber keinen Körper hatte. Ein Geruch ohne Quelle.

Und als aus ihm ein zweites, tieferes Knurren kam, durchfuhr es sie von oben bis unten.

Sie griff mit bebenden Fingern nach der Lampe und drückte den Schalter.

Klick.

Licht ergoss sich über das Zimmer und trieb die Schatten tiefer in die Ecken. Die Zimmerecke blieb leer. Aber nicht ganz. Die Luft dort blieb. Schwer, durchtränkt von etwas, das sie nicht benennen konnte.

Lobo knurrte noch eine Weile, und aus seinem Blick wich die Anspannung nicht.

Dann, ohne ein weiteres Knurren, setzte er sich in Bewegung. Langsam und würdevoll ging er zu ihr hinüber und legte den Kopf in ihren Schoß, die Augen noch immer auf jener Stelle.

Er wollte nicht gestreichelt werden.

Sein Fell war noch immer leicht gesträubt.

Es war keine Bitte.

Es war ein Befehl: Bleib. Bleib hier. Sprich nicht. Beweg dich nicht. Sie lauschen.

✦

Bum. Bum. Bum.

Im Inneren des Hauses erklang das Geräusch einer Faust, die gegen Holz schlug. Das Echo breitete sich an den Wänden aus, eine aufgewühlte Welle, die den Traum wegspülte und rohe Wachheit zurückließ.

„Sheriff?! Rhea! Ich bin’s, Caleb! Etwas ist passiert!“

Die Tür bebte unter dem nächsten Schlag. Das Zittern in seiner Stimme war nicht gespielt. Unterdrücktes Adrenalin knisterte darin.

Diese Art von Stimme erklingt nicht wegen randalierender Teenager oder eines verirrten Fuchses im Müllcontainer. Diese Art von Stimme weiß, dass auf der anderen Seite der Tür jemand ist, der retten muss. Vor dem, was er gesehen hat.

Rhea stand abrupt auf. Lobo knurrte neben ihr, anders als zuvor. Sie legte ihm kurz die Hand auf den Kopf und griff nach der Pistole auf dem Nachttisch.

Die Kälte des Metalls holte sie in die Gegenwart zurück.

Sie ging zum Schrank. Öffnete ihn mit einer Hand, mit der anderen hielt sie noch immer die Waffe. Ihr Blick fiel auf eine dunkle Hose und ein T-Shirt. Sie griff automatisch danach und zog sich schnell an, militärisch präzise.

Dann schlüpfte sie in die Stiefel und zog die Schnürsenkel bis zur schmerzhaften Spannung zu.

Der Boden unter ihr knarrte. Altes Holz. Feuchte Luft. Etwas an diesem Geräusch erinnerte sie an den Traum.

Atemlos blieb sie vor der Tür stehen.

Sie holte Luft, doch tief ging es nicht. Noch immer spürte sie den Schatten. Nicht nur im Raum. In der Luft.

Lobo stellte sich neben sie, der kräftige Nacken gespannt, die Augen leuchteten im Morgenlicht.

Dann schloss sie auf.

✦

Draußen stand Caleb, ihr Stellvertreter. Jung. Kreidebleich.

Am Kragen seiner Uniform ein trocknender Blutfleck. Zerzauste Haare, die er sich kaum gekämmt hatte. Stoppeln am Kinn. Er sah ihr in die stahlgrauen Augen.

Rhea rührte sich nicht.

Caleb wurde in diesem Moment ein wenig kleiner.

„Es ist etwas Schreckliches passiert“, sagte er. Der Satz trug sein Gewicht nur zögernd. Doch das Blut an seinem Kragen war gegenwärtig. Viel zu gegenwärtig.

Lobo stieß gegen ihren Oberschenkel. Er bellte nicht, er drängte. Er wollte ihren Körper dazu bringen, sich zu bewegen. Jetzt.

Rhea trat aus dem Schatten der Tür. Wach. Bereit.

Schwarze, lange Haare, noch feucht vom Schweiß, fielen ihr in die Stirn. Mit einer einzigen harten Bewegung nach hinten gestrichen.

„Sprich. Und sag mir jetzt, was genau ‚Etwas ist passiert‘ bedeutet.“

Caleb schluckte und fuhr sich mit der Hand über den Nacken.

„In dem Haus am Ende der Upland Street. Im Haus der Mathers. Dieser Lehrer, der mit dem Kleinen wohnt. Der Junge ist zwölf.“

Rhea gefror. Für einen Augenblick überflutete ihren Verstand dichte, kalte Finsternis. Sie kam nicht von außen. Sie wohnte in ihr. Sie wartete auf solche Momente.

„Rick Mathers?“ fragte sie. Ihre Stimme war plötzlich hart.

„Der alte Martin ging heute Morgen mit seinem Hund spazieren, sah die offene Tür und ging rein.“

Rhea hob eine Augenbraue. „Und anstatt nach Hause zu gehen und den Sheriff anzurufen, wie es auf jedem verdammten Flugblatt steht, ist er hineingegangen?“

„Ja. Sein Hund hörte nicht auf zu bellen und Rick …“

Er verstummte. Dieses Verstummen sagte alles.

„Verdammt, Caleb, sag endlich was los ist.“

„Wir haben seine Leiche gefunden.“

„Und?“

„Sheriff …“

Sheriff Shaw. Nicht Rhea, der er einmal sein Auto geliehen hatte. Sheriff. Das, was er sagen würde, brauchte Distanz. Es brauchte eine Uniform zwischen den Worten und der Realität.

„Du musst es selbst sehen.“

„Der Junge?“

„Verschwunden. Die Spuren im Garten führen in alle Richtungen.“

Alle Richtungen. Rhea ließ das in ihrem Kopf kreisen. Sie wollte nicht weiterdenken. Noch nicht.

Caleb sprach weiter. Zehn Jahre Polizist. Und dennoch suchte er nach Worten.

„Ich habe so etwas noch nie gesehen.“

„Die Leiche, also, was davon übrig ist …“

Er hielt inne. Schluckte. Auf seinem Gesicht zuckte ein Ausdruck, den Rhea nur zu gut kannte. Der Ausdruck eines Menschen, der mit seinem eigenen Magen kämpft. Und zu verlieren beginnt.

„Ich glaube, ein Teil von ihm ist verschwunden, bevor er gestorben ist.“

Dieser Satz blieb zwischen ihnen stehen.

Ein Teil von ihm ist verschwunden, bevor er gestorben ist.

Rhea ließ die Worte durch den Kopf gehen, eines nach dem anderen. Ein Teil. Welcher Teil. Ist verschwunden. Wohin verschwunden. Bevor. Bevor er noch lebte.

Das Zittern seiner Hände konnte er nicht verbergen.

In seinen Augen lag etwas, das dort zuvor niemals gewesen war.

Angst.

✦

Rhea ging zurück hinein, befestigte den Gürtel, steckte die Waffe in den Holster, zog die Jacke über und heftete die Marke an.

Lobo hatte sich bereits an die Tür gestellt.

Als sie den Spiegel neben der Tür passierte, blieb sie stehen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie hinter sich eine Bewegung. Einen dünnen Schatten. Reglos.

Sie drehte sich um. Nichts. Nur die leere Wand.

Sie schüttelte den Kopf und trat hinaus.

„Das nächste Mal, wenn du an meine Tür hämmerst, erstattest du Meldung, wie es sich gehört. Kein vages Gerede. Und sieh mir dabei in die Augen.“

Caleb sah hin.

Rhea erkannte, dass es ihm nicht leichtfiel. Dass ihre Augen in diesem Moment das Einzige waren, wovor er sich mehr fürchtete als vor dem, was er im Haus der Mathers gesehen hatte.

„Du bist mein Stellvertreter, benimm dich auch so.“

„Verstanden, Sheriff“, murmelte Caleb.

Sein Mundwinkel zuckte. Dieses kleine, widerspenstige Grinsen.

Rhea verdrehte die Augen.

„Und jetzt zeig mir, was du gesehen hast.“

Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu.

Caleb nickte und ging zum Wagen.

Hinter ihm trat Rhea in den grauen Morgen, das Knirschen des Kieses unter ihren Schuhen.

Ein Gedanke trat hervor:

Rick Mathers hatte einen zwölfjährigen Sohn.

Hatte.

Schon jetzt verwendete sie dieses Wort in der Vergangenheitsform.

Es klopft weiter

Kapitel 2 steht gleich darunter, einfach weiterscrollen. Und wenn du wissen willst, woran ich gerade schreibe: ein paar E-Mails im Jahr, Abmelden jederzeit mit einem Klick.

Kapitel 2

Pearl Hollow

Pearl Hollow.

Eine kleine Stadt im Nordwesten Amerikas. Man würde durchfahren, ohne es zu bemerken. Auf der Karte kaum sichtbar, ein Punkt zwischen größeren, über den der Finger gleitet, wenn man nach etwas anderem sucht. Keine Touristenbroschüren. Sie liegt weder an einer Hauptstraße noch am Wasser. Kein See zum Baden, keine historische Brücke, kein Restaurant, das zum Verweilen einlädt.

Pearl Hollow versteckt sich.

Unter einem Schleier aus Nebel, in einer Bucht von Wäldern, denen selbst Satelliten lieber ausweichen. Das ist kein Zufall. Nichts hier ist Zufall.

Wer es besucht – und das sind nicht viele – sagt, dass die Luft dort anders schmeckt. Keine Bergfrische aus Mineralwasserreklamen. Eine erstickende Atmosphäre, die sich weigert zu weichen. Die dort hockt. Lauert.

Die Häuser hier sind alt, aber nicht historisch. Historische Häuser haben Schilder. Diese Häuser haben Falten im Holz. Erinnerungen, die in den Fundamenten nisten. Als hätte jemand sie aus neuem Holz auf alten Fundamenten zusammengezimmert. Sehr alten. Solche Fundamente, die sich an Dinge erinnern, die wir lieber vergessen würden.

Pearl Hollow ist nämlich nicht entstanden.

Es wurde erneut errichtet.

Auf den Ruinen einer Stadt, die noch im neunzehnten Jahrhundert abbrannte. Über diesen Brand wurde wenig geschrieben. Eigentlich fast gar nichts.

Es gibt ein dünnes Buch in der örtlichen Bibliothek, in ein hinteres Regal gedrängt, wo sich der Staub schneller absetzt als anderswo. Zweiunddreißig Seiten. Ohne Fotografien. Ohne Namen.

Jahr 1887. Der große Brand. Alles verbrannte.

Die Ursache? Unklar. Blitzeinschlag, heißt es in den Akten. Ein Unfall im Sägewerk. Ein betrunkener Farmer mit einer Lampe.

Aber wenn man die alten Leute fragt, die wirklich alten, jene, die auf Veranden sitzen und ins Leere starren, zucken sie mit den Schultern. Und wenden den Blick ab. Schließlich sagen sie: Manche Dinge lässt man besser ruhen.

Und dann gibt es jene, die behaupten, Pearl Hollow hätte sich nie wieder erheben sollen. Dass der Brand kein Unfall war. Dass er eine Lösung war. Dass die Menschen im Jahr 1887 etwas wussten, was wir vergessen haben. Über das, was unter der Stadt liegt. Was dort lag, lange bevor der erste Siedler kam.

Alte Wurzeln verbrennen nicht.

Sie warten nur.

✦

Die Wälder um Pearl Hollow stehen still wie Zeugen vor Gericht. Die Einheimischen haben gelernt, nicht zurückzustarren. Um drei Uhr morgens steigt der Nebel aus dem Boden wie der Atem von etwas, das unter der Stadt schläft.

Die Einheimischen schauen nicht in Richtung der Wälder. Niemals. Nicht einmal zufällig.

Die Kinder in Pearl Hollow lachen nicht wie andere Kinder. In ihren Augen sitzt etwas, das dort nicht sitzt, wenn man jung ist.

Diese Kinder meiden die Waldränder, als wüssten sie etwas, das ihnen niemand gesagt hat. Sie spielen nicht zwischen den Bäumen. Keine Abenteuerexpeditionen und geheimen Bunker im Unterholz. Sie halten sich nah bei den Häusern, ihren Eltern und dem Licht.

Und wenn sie lachen, fehlt ein Echo.

✦

Die Vergangenheit fraß an Rhea wie Säure unter der Haut.

Man kann rennen, soweit man will. Den Namen ändern, die Haarfarbe, sich selbst. Das Brennen geht mit. Es wird immer mitgehen.

Pearl Hollow war nicht ihre erste Dunkelheit.

Rhea Shaw war kein unbeschriebenes Blatt. Sie kam bereits beschrieben. Geritzt. Gebrandmarkt. Spuren, die nie wieder vergehen.

Davor war Kandahar.

Sie verlor dort nicht nur ihr Team. Sie verlor ein ganzes Stück ihrer Welt. So ein Stück, das man bei sich trägt. Das einem Sinn gibt. Die Karte in ihrem Kopf, nach der sie ihr ganzes Leben navigiert hatte, ergab plötzlich keinen Sinn mehr. Norden war im Süden. Wege führten ins Nichts.

Sie konnte ihr Team nicht einmal begraben, denn es gab keine Leichen.

Acht Menschen. Acht erwachsene, trainierte, bewaffnete Soldaten – ausgelöscht. Einfach weg. Was blieb, war Stille und eine Frage, die niemand beantworten konnte.

Die Untersuchung war kurz. Ein einziges Ziel: die Akte schließen. Vergessen.

In den offiziellen Berichten: „unvollständige Operation mit hohem taktischem Risiko“.

Hinter vorgehaltener Hand: Vorfall ohne logischen Abschluss.

Rhea nannte es anders. Aber nur nachts, wenn sie nicht atmen konnte und die Finger in die Matratze krallte. Dann brannte es ihr in der Kehle. Unerklärlich. Unwiderruflich. Etwas, das nicht hätte existieren dürfen.

Etwas hatte sie dort berührt. In der Stille zwischen den Atemzügen. Sie hatte nie an Dämonen geglaubt. An Legenden. An das Unerklärliche.

Aber jetzt gab es dieses Aber.

Nach der Rückkehr wurde sie zum Rapport gerufen. Dreimal. Erst ihr Einsatzleiter, Major Donnelly. Dann ein Tribunal, fünf Offiziere, steinerne Gesichter. Beim dritten Mal waren es keine Soldaten mehr. Anzüge. Keine Namen. Fragen zu Dingen, die nicht in den Akten standen.

Und jedes Mal dasselbe in ihren Augen: Unglaube. Nicht weil ihre Geschichte Löcher hatte. Sondern weil niemand wollte, dass sie wahr war.

General Hawkins fragte schließlich, warum sie kündigt. Sie war eine seiner Besten.

Sie sah ihm in die Augen. Kalt. Mit fester Stimme. „Weil ich noch immer das sehe, was ich nicht hätte sehen sollen.“

Sie gab die Marke zurück. Und ihrem Verlobten den Ring.

Daniel Ryker. Der Mann, den sie liebte. Der Mann, der ihre Hand gehalten hatte, als sie noch glaubte, alles ließe sich erklären. Sie begrub diese Liebe ohne Zeremonie. Er stand an der Tür, als sie ging. Er flehte nicht. In seinen Augen nur dieses stille: Geh nicht.

Aber sie musste. Das, was in ihr brannte, ließ ihr keine Wahl.

Sie packte und ging.

Und so landete sie hier.

Am Ende der Welt. Oder zumindest an ihrem Rand. Eine Kleinstadt, in der sich niemand erinnert, wann genau der Nebel einsetzte. Und nie ganz verschwand.

Sie kam nicht wegen des Friedens hierher. Obwohl sie Frieden wollte. Dass sie eines Morgens aufwachen würde und keine Angst mehr hätte, in den Spiegel zu schauen.

Aber sie war nicht dumm.

Sie kam hierher, weil sie ahnte. Das, was sie in den Sandwüsten angeblickt hatte, war nicht dort geblieben. Und jetzt, in Pearl Hollow, gewann das Brennen eine Form. Es wusste die ganze Zeit, wohin sie gehen würde.

Und sie ging mit offenen Augen hinein.

✦

Der Pickup fraß die Hauptstraße.

Rhea stützte die Ellbogen auf das halb geöffnete Fenster und atmete die feuchte Luft ein. Die vertraute, aber nicht ganz vertrauenswürdige Kleinstadt lag vor ihr. Ein drückender Morgen, der Himmel weigerte sich noch einzuatmen. Der Nebel hing tief über der Straße, brach sich an den Straßenlaternen, die noch nicht erloschen waren.

Die Straßen waren leer. Hier und da huschte ein Schatten vorbei, der eine Katze gewesen sein konnte. An einem Fenster stand ein Kind. Es beobachtete den Pickup. Es blinzelte nicht.

Caleb saß am Steuer. Das Schweigen zwischen ihnen war nicht unangenehm, es war dienstlich. Rhea wurde bewusst, dass sie sich zum Atmen zwingen musste.

Ihr Funkgerät hatte vor zwanzig Minuten geklingelt. Sam. Seine Stimme zitterte. Rick Mathers. Tot. Schlimm.

Das war alles. Mehr brauchte sie nicht.

Caleb räusperte sich. „Weißt du … als ich heute Morgen aufgestanden bin, dachte ich, das Schlimmste, was mich erwartet, wäre Earls Humor an der Tankstelle. Jetzt weiß ich, dass ich ein furchtbarer Optimist war.“

Rhea nippte an ihrem Kaffee. Verzog das Gesicht. „Die Brühe schmeckt nach verbranntem Motoröl.“

„Das werde ich auch tun“, brummte Caleb. „Nächstes Mal besseren Kaffee, weniger Erwartungen.“

Zur Linken öffnete gerade die Lone Pine Tavern, eine Bar, die im Grunde nie schloss. Ein Holzgebäude mit abblätterndem Logo. Drinnen, hinter dem beschlagenen Glas, fegte Micki den Boden. Ein ehemaliger Trucker, der das beste Bier der Gegend zapfen konnte. Seine Frau Elena stand an der Theke, den Blick irgendwo jenseits des Horizonts.

Rhea kannte diesen Blick. Elena hatte ihre Tochter verloren. Die Wälder um Pearl Hollow gaben nicht zurück, was sie sich nahmen.

„Ihr Blick“, sagte Caleb gedämpft. „Sie sucht noch in jedem Gesicht.“

Rhea schwieg. Dann: „Sie sucht noch immer.“

Am Ende der Straße, beim alten Schild mit dem Ortsnamen, stand eine Gestalt.

Baba Sura.

In einer Hand hielt sie einen Korb voller Kräuter, in der anderen einen Stock, der sich bog, aber nie brach. Auf dem Kopf ein rotes Tuch, um den Hals eine Kette aus Dingen, über die Rhea lieber nicht nachdachte.

Als der Pickup vorbeifuhr, hob Sura den Blick. Sie grüßte nicht. Sie lächelte nicht. Sie legte nur einen kleinen Gegenstand in den Staub, der für einen Moment schwarz aufblitzte.

Eine Feder.

Caleb bemerkte es nicht. Rhea schon.

Es war dieselbe Art Feder, die sie am Morgen auf ihrem Kopfkissen gefunden hatte. Sie hatte niemandem davon erzählt.

Die alte Rumänin. Rhea mied sie, wann immer es ging. Aber die Alte tauchte immer dort auf, wo sie nicht sein sollte. Niemand wusste, wie alt sie war. Ihr Hof lag am Rand der Stadt, dort wo die Schatten länger wurden.

Bei ihrer ersten Begegnung hatte die Alte Rhea angesehen, lange, zu lange, und dann geknurrt: „Nicht alles, was still ist, schläft. Nicht alles, was sich bewegt, atmet. Und das, was du nicht hörst, kann am meisten lügen.“

„Taucht die immer so auf?“ murmelte Caleb. „Ich bekomme Gänsehaut von ihr.“

„Sie ist eine alte Frau, die nichts Besseres zu tun hat“, antwortete Rhea. Aber schon während sie es sagte, glaubte sie selbst nicht daran.

Der Pickup beschleunigte. Rhea sah in den Rückspiegel. Die Alte stand noch immer dort. Bewegungslos.

Das Sägewerk tauchte am südlichen Stadtrand auf. Pearlwood Timber. Überall Männer mit Harz an den Händen und Frauen mit stiller Verzweiflung in den Augen. Die Wälder wuchsen. Schneller, als natürlich war. Was sie heute fällten, stand in einem Monat wieder. Höher. Dichter. Näher.

Das Sägewerk war kein Geschäft. Es war ein Damm. Und er hielt kaum noch.

Auf einem kleinen Hügel, bei der Schulbushaltestelle, stand Joe. Der ehemalige Sheriff mit einem Becher Kaffee. Er hatte einen langsamen Schritt, aber noch immer wache Augen. Als der Pickup vorbeifuhr, hob er die Hand, grüßte die beiden.

Dann senkte er den Blick. Nur für einen Moment. Als wollte er Rhea nicht in die Augen sehen.

Rhea wusste, dass sie sich noch mit ihm treffen würden. Joe wusste von allem, was sich in Pearl Hollow bewegte. Auch von den Dingen, die sich nicht bewegten.

Der Tag schritt voran. Licht sickerte langsam durch die Wolken.

Ein scheinbar normaler Morgen in einer Stadt, die vergessen hatte, was normal bedeutet.

Vor ihnen tauchte das Haus am Ende der Upland Street auf. Die gelbschwarze Absperrung war bereits gespannt.

Rhea stellte den Kaffee ab.

„Dann mal los.“

✦   ✦   ✦

Ende der Leseprobe

Was Caleb im Haus der Mathers gesehen hat, steht im nächsten Kapitel.

„Mach nicht auf“ gibt es als Softcover, Hardcover, E-Book und Kindle Edition.